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Zu der ORF Sendung " Menschenbilder" meine Person und meine Malerei betreffend:

RUDOLF KORTOKRAKS

Ich moechte vermeiden, dass zwei Eindruecke durch die Sendung entstehen koennten - respektive: bereits bestehende Auffassungen bestaerkt wuerden.

Zunaechst einmal ist meine Arbeit - die malerische sowohl wie die schriftliche nicht als Angriff auf die Kulturpolitik in Deutschland, Oestereich und die Schweiz zu betrachten. Die in diesen Laendern geltende offizielle Kunst ist sehr praezise festgelegt und unumstoesslich gueltig. Wenn meine Arbeit nicht diesen Richtlinien entspricht, so ist es - und war es immer - meine eigene ,voellig freie Entscheidung: nur meinem eigenen Gewissen zu folgen. ( Das ist eine Forderung, die Leo Trotzky im Jahre 1938 aufstellte als sich zeigte : die Revolutionskunst Malewitschs, Lissitzkys et al, die des Volkskommissars Marc Chagall und die von Josef Stalin durchgesetzte - wie auch das Konkurrenzunternehmen zum Bolschewismus: der Surrealismus seinen nicht miteinander zu
vereinbaren.)

Wenn ich nicht gerne saehe, dass die Leute, denen ich laestig bin, mich jetzt zum Trotzkisten abstempeln, (ich finde das Gebot der freien Marktwirtschaft "enrichissez vous!" ist voellig legitim) - so ist es weil Leo Trotzky keinesfalls ein Monopol auf das menschliche oder kuenstlerische Gewissen hat oder hatte. Ein weiteres Konkurrenzunternehmen : die christliche Kirche und alle Religionen per se schlagen vor: man moege mit einem Gewissen behaftet sein - und dass, wer im Besitze eines Solchen ist - dieses moeglichst auch benutzen sollte.

Aus der Kunst - Szenerie wird mir immer wieder mitgeteilt: ich koenne Anerkennung nur dadurch erreichen, dass ich aufhoere: die Produkte dieser Kunst- Szene kritisch zu betrachten und sie verbal anzugreifen. Da ich hierzu weder willens, noch faehig bin, geschieht es voellig zurecht, dass mir eine Existenzberchtigung aberkannt wird. Es ist und bleibt meine ureigene, erz - freie Entscheidung keinen anderen Weg als meinen Eigenen zu gehen.Die Bestrafungen nehme ich in Kauf seit ich - 1942 anfing auf diesem Weg mich fortzubewegen.

Als ich im Jahre 1961 zum ersten Male heiratete, wies eine kuenstlerisch taetige Verwandte meine Frau darauf hin, dass von nun an saemtliche abgetragenen Kleider der Verwandtschaft in unseren kuenstlerischen Haushalt geschickt werden wuerden. Vielleicht hat die Sendung einen aehnlichen Effekt, den ich alledings vermeiden will. Zwar ist mein Regenmantel nicht ( wie faelschlich behauptet) ; ein Burberry, sondern vom Schlussverkauf. Zwei Burberrys und ein Aquascutum wurden mir von Kennern gestohlen. Auch dass meine italienische Bleibe von Drogenabhaegigen gepluendert wurde bedeutet keinesfall: das christliche Gebot: die Nackten zu kleiden traefe akut auf mich zu.Auch, das ich seit Jahren keinen Raum habe in dem ich Bilder malen kann, bedeutet nicht, dass man mir dutzende von Garconnieren, moeblierten Zimmern und Luxusvillen anbieten soll. Mir wuerde ein klitzekleines bisschen Respekt, wenn nicht fuer den Menschen Kortokraks - dann fuer den Kuenstler - wohltuend genuegen. Und der aeussert sich nicht in dargebotenen Garconnieren. - Ganz im Gegenteil!

Von einem Hoerer der Sendung erfahre ich: ich brauchte kein mangelndes Selbstbewusstsein wegen meiner Bilder zu haben. Meine Bilder strotzen nur so vor Selbstbewusstsein!!! Es ist nur, dass sie in das Gefuege der Kunstboerse nicht hineinpassen und zwar mit voller Absicht und in voller Eigenverantwortung. Dass sie weggeleugnet, bagatellisiert oder von oben betrachtet werden stoert mich keinesfalls. Karl Kraus haette gesagt: all das geschieht AUS BERECHTIGTER NOTWEHR. Beides geht naemlich nicht gleichzeitig: Staatskunst, Kunst im Dienste des Kaufmanns (Adolf Loos) und das, was ich zu tun mich seit 67 Jahren bemuehe.

Salzburg 29. Juni 2009 Rudolf Kortokraks, Freier Maler

Kortokraks war sich spaetestens waehrend der ersten Phase seines Aufenthaltes in Paris (1951-1961 ) darueber klar geworden, dass die, sich damals abzeichnende Entwicklung in der Kunst seinem Charakter und seiner temperamentellen Veranlagung nicht gemaess sein konnten und er nie faehig oder willig sein wuerde, die Bindung an die Natur zu loesen und die intelligente Darstellung und Interpretation der sichtbaren Welt zu verlassen. Im Jahre 1947 hatten seine Lehrer an der damals privaten Freien Akademie Mannheim beschlossen ihn per Handlangerdienste weiter teilnehmen zu lassen. Seine Heimatbehoerde:Die Stadt Ludwigshafen hatte festgestellt, dass er wegen Unbegabung kein Stipendium erhalten duerfe, sein Vater war nich willens zu seiner Ausbildung beizutragen. Die Lehrerschaft an der Mannheimer Schule war anderer Meinung als die Ludwigshafener Behoerden, stellten damals aber auch fest, dass seine -wie sie meinten- aussergewoehnliche Begabung nicht in Richtung philosophisch-spekulativer Auseinendersetzung mit Kunst laege.

Erste Anerkennung erfuhr er - ab 1959 von der Kuenstlerkolonie Worpswede ausgehend - aus den Bundeslaendern Bremen und Niedersachsen, wo er neben etlichen Beteiligungen an Gruppenausstellungen seine erste Einzelausstellung mit dem, in Paris und den USA bekannten, in Deutschland notleidenden Maler Richard Oelze teilte. Beide Kuenstler:Oelze und Kortokraks lebten damals von Arbeitslosen- Fuersorge Unterstuetzung. Das Niedersaechsische Kultusministerium, Dr. Karpa und der Bremer Kultursenat unter Dr. Lutze gewaehrten Kortokraks ein Stipendium fuer eine Parisreise von jeweils DM 250.-. Paris sollte fuer die naechste Dekade sein hauptsaechlicher Wohnsitz sein.

In diesen Jahren der freiwilligen und bewusst akzeptierten Entbehrungen bot Oskar Kokoschka die einzige Stuetze im Hinblick auf menschliches Vertrauen und kuenstlerische Anerkennung indem er ihm 1956 ein Lehramt an seiner Schule des Sehens erteilte, welches 1959 ihm die Leitung des ganzen Lehrkoerpers uebertrug. Diese Lehramt wurde nicht getaetigt indem er Befehle und Anweisungen Kokoschkas auszufuehren hatte. Er uebte es mittels seiner Erfahrungen aus dem Studium in Graz unter Professor Szyszkowitz 1942-45 und Paul Berger-Bergner in Mannheim aus. Der Stadtverwaltung Ludwigshafen scheint diese Taetigkeit entgangen zu sein (ebenso wie die in Salzburg i 1976-1980 innegehabte Professur ) - denn sie wies die Verwaltung des italienischen Staedtchens Tuscania 1972 darauf hin, dass Kortokraks nicht berechtigt sei zu unterrichten.

Die fuenf Wochen paedagogischer Arbeit pro Jahr bildeten auch die fast einzige materielle Existenzgrundlage fuer Kortokraks. Sein Lebenslauf verzeichnet fuer die Jahre 1951 - 64 genau eine Ausstellung. Es war dies die periode in welcher - besonders in der Bundesrepublik - nur eine einzige Kunstrichtung - naemlich die des abstrakt-informel anerkannt wurde, die Kortokraks von Paris her vertraut war und von ihm fuer unzugaenglich gehalten wurde.

Es sei hier auf die Forderung des, mit der Leitung der Kestner Gesellschaft 1964 betrauten -spaeteren Magnifizenz mult, Prof Dr Wieland Schmied verwiesen, der damals eine Aenderung der monolithischen Allleinverbindlichkeit in die Wege leitete.Er forderte die Anerkennung auch der Wiener Schule - einer aus dem Pariser Surrealismus abgeleitete anektodischen Malerei, die sich "Phantastischer Realismus " taufte. Da Deutschland gewohnt war, Befehle zu befolgen, geschah dies dann auch.

Das bedeutete zunaechst, dass Deutschland von nun an ueber zwei verbindliche Kunstrichtungen verfuegte. Professor Schmied profilierte sich dann in der westlichen Welt als Vertreter des Pluralismus: naemliche alle sogenannten Kunstrichtungen - moden und -manieren haben gleichzeitige Gueltigkeit :Alles was gefördert wird ist gut - und es ist gut weil wir es fördern. Während Karl Popper sich weigert den Kulturrelativismus zu akzeptieren, schreibt Ernst Gombrich: dass der kalte Krieg gefordert habe: der Diktatur eine freiheitliche Anschaung entgegenzusetzen, dies aber bedauerlicherweise zu einer Erodierung des Qualitaetsbegriffs fuehrte. Amerikanischen gesellschaftskritischen Künstlern bot man reiche Belohnung an, wenn sie auf Inhalte verzichten und der Abstrakte Expressionismus ward geboren.

Der Philosoph George Berkeley ist der Meinung, dass ein Abstraktum keine sinnlichen oder taktilen Eigenschaften besitzen kann. Folglich kann es auch nur eine Sache zum Ausdruck bringen: sich selbst oder - im günstigsten Falle : ein deutlich ausgepraegtes Nichts.

Dem bundesdeutschen Doppelbeschluss = naemlich sowohl der Tachismus (mit T! oder auch das -immer kleingeschriebene- informel ) als auch die Wiener Schule seien fortan erlaubt, folgte die, aus einem Zentrum in den Vereinigten Staaten gesteuerte Mode der POP Art, welche besonders bei dem mannigfachen Museumsgruender Ludwig aus Aachen auf sehr fruchtbaren Boden fiel. Es scheint als sei Prof.Dddddr. H.c. Ludwig durch die Zeitumstaende seiner wahren Neigung beraubt worden, sodass er nur einen einzigen Vertreter der bis 1945 alleinherrschenden Deutschen Kunst foerdern konnte; naemlich Herrn Arno Breker (welchem wiederum voellig entgangen war, dass Adolf Hitler im Grunde ein sogenannter Nazi war.)

Einem Altnazi, der stolz von sich sagte: er habe noch nie im Leben etwas bereut, - seinem Freund Hermann Stuppäck, Präsident der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst 1964 -1980 verdankt Kortokraks eine Definition, dessen was die Kunst des letzten halben Jahrhunderts geprägt hat. Er nannte sie "herostratisch". Eine Motivierung zu erschaffen, damit man sich ihren Namen merken müsse, treibt viele Leute, die nicht mit genügend Persönlichkeit, Charakter, Individualität, Charisma und Genie gesegnet sind, an. Statt "herostratisch" könnte man genauso gut: "Kilroy-like" oder "Kyselack-haft" sagen. Die New Yorker U bahn Waggons werden uns ja als die SixtinischeKapelle unseres Zeitalters angedreht. Vielleicht ist lediglich bedauerlich, dass wir in Europa nicht genug unterprivilegierte Slum Kinder haben, die uns mit solcherlei Segnungen beglücken. Schafft mehr Slums - die Kunst benötigt sie! Und - Waffennarren - verschliesst die Schränke mit eurem Spielzeug nicht zu dicht - eure Söhne wollen doch berühmt werden!

Weil aber das omniphage Publikum sowohl vergesslich ist - Unfähigkeit aus Erfahrung zu lernen ist die Definition, mit welcher der Psychopath definiert wird - und der Markt nur Wachstum zeigt wenn die Moden einander rasch ablösen - musste manch ein Künstler immer wieder nach neuen Gags suchen. So wurde aus der Kunstform der Ablehnung der parlamentarischen Demokratie bald die, der Pflanzung einer Menge Eichenbäume, und der, Trend Fliegenfischer-Jacken mit übertrieben vielen Taschen und Täschchen anzuziehen ward mit Bedeutungsvölle aufsuggeriert.

WARUM TROTZDEM

Eine befreundete salzburger Familie teilte mir vor vielen Jahren freudestrahlend mit, dass ein Beamter in der Salzburger Landesregierung sie informiert habe: ich hielte nicht der geringsten Belastung stand. Soviel behoerdliches Interesse fand ich natuerlich schmeichelhaft, konnte allerdings nicht herausfinden wer oder was oder wie oder warum ich je einer geringen oder einer starken - oder auch einer mittleren Belastung ausgesetzt gewesen war - und wie die Landesregierung mir da auf die Schliche gekommen sein koennte.

Lediglich das Substantiv Belastung war mir vertraut und zwar nicht von den Frageboegen der Entnazifizierung her sondern weil in meiner pfaelzischen Heimat die Mendel'sche Erblehre seit ihrer Entstehung arg dominant ist und man doert immer noch gern ueberlegt in welchem Grad Menschen "erblich belastet" sein koennten. Eine Quelle hierfuer muss aus der baeuerlichen Vergangenheit stammen.
So nehme ich an dass die Diagnose von meiner Heimatbehoerde gestellt, an die Salzburger Landesregierung ueber mittelt wurde. Ein Hinweis an die Gemeindeverwaltung Tuscania, wo ich etliche Jahre Sommerkurse abhielt kam von dort und informierte die Stadtverwaltung: ich besaesse gar keine Lehramtsbefugnis. Eine Weile lang liess mich Salzburg aber TROTZDEM gewaehren.

Beispiel: in der Ortschaft Hochdorf nahe der pfaelzischen Weinstrasse gab es frueher einen Baecker, der ausgezeichnetes Bauernbrot buk. Es war ebenbuertig dem Brot, das die Deidesheimer Familie Hahn in ihren Wein - Wirtschatsfilialen anbot - sehr zur Freude vieler Studenten in Muenchen, Heidelberg, Mannheim. Denn das wunderbar schmeckende, nahrhafte Roggenbrot war im aufbluehenden Wirtschaftswunder und der spriessende Profitgier u m s o n s t.

Als ich, aus London kommend -wo es damals nur einen suendhaft teuren Deutschen Lebensmittelladen gab - mir ein - zwei Laibe des Hochdorfer Brotes kaufte , das bei Leuten aus dem entfernten Mannheim so begehrt war, dass sie 25 Km weit fuhren um es zu erwerben. Ich muss an einer Deidesheimer Bushaltestelle gestanden sein als eine Frau mich fragte: "waren Sie in Hochdorf? Im Herbst 1944 war ich von der Gestapo verhoert worde und wusste, dass es das bBeste sei wenn ich gestehe. "Haben sie Brot gekauft? ging das Verhoer weiter. Ich wollte mein Gewissen nicht belasten und gab das auch sofort zu. "Wissen sie nicht, dass die Hochdorfer alle erblich belastet sind?" schrie sie mich an. " Inzucht!". Nun mag fuer den heutigen - urbanen Menschen klingen wie ein Vorurteil -nicht zuletzt weil es selbstverstaendlich eines ist.

Die Landbevoelkerung verdankt ihren heutigen Status jedoch, dass man sich nach ungeschriebenen Gesetzen fruchtbar vermehre und deshalb war der Inzest den Adelshaeusern vorbehalten und ist es bis heute noch. Man nehme zu der ruralen tradition noch die Forschungen Gregor Mendels, die im 19. Jahrhundert aufgekommene 9und ihre im III. Reich getaetigte Ausuebug), Gobineaus Rassenlehre, den Mythos des Alfred Rosenberg ( fuer welchen ich mehrere Monate lang aktiv taetig war - aufgemerkt CIA : anstatt mich zu bespitzeln waere es klueger gewesen mich, dieser Qualifikation wegen
anzuheuern - ) Dazu ein geruettelt Mass Frankfurter Schule und viel,viel Sigmund Freud und wir haben nicht nur die Jahre der Restauration vor uns ( die ich das drei-einhalbte Reich nenne) sonder eine Einstellung die vom linken Rheinufer bis zur saarlarendischen Grenze weiterhin grassiert.

Im Jahre 1964 sah sich der Direktor des Trierer Museums Simeonsstift die Ausstellun an, die in meiner Geburtsstadt TROTZDEM moeglich geworde war weil a) der damalige Oberbuergermeister von auswaerts stammte, b) mein Vater seit langem dazu uebergegangen war statt KPD -SPD zu waehlen. C) weil ich mit der Tochter eines Mannheimer Grossindustriellen verheiratet war D) Kokoschka mir TROTZDEM ein Lehramt an seiner Schule des Sehens anvertraut hatte -obwohl nein w e i l ich ( ebenso wie er selber an der Schwarzwaldschule Wien 1908) ueber keine Lehramtsbefugnis verfuegte. und schlesslich auch D) weil ich TROTZDEM Bilder malte.

Curt Schweicher meinte, nachdem er die Ludwigshafener Ausstellung gesehen hatte - er wolle sofort eine Ausstellung in seinem Trierer Museum machen.Das geschah auch und ich war einegermassen verbluefft als einige Tage vor der Eroeffnung mir ein kleiner Katalog ins Haus flatterte, den viele Menschen fuer extrem geistvoll hielte und der einer anderen Kategorie Leute etwas auf den Schliups trat. Ich hatte ueber Ludwigshafen geschriebben es seien die Metzgermeister und Kohlenhaendler gekommen und musste mich hierfuer rechtfertigend entschuldigen. Wieviele deutsche Staedte haben aber - wie Ludwigshafen - Metzgermeister welche 36 Kokoschkas besitzen. Und wieviele Nationen haben Kohlenhaendler wie der Baron Thyssen ( nun - die Schweiz ja.

Vier Jahre spaeter stellte er - genau an meinem 40. Geburtstag - meine Werke noch einmal aus und zwar unter Beteiligung des -gerade neu ins Amt gewaehlen Ministerpraesidenten von Rheinland Pfalz und seinem politischen Umkreis. Dieser kaufte damals mein Portrait des ultralinken Labourabgeordneten Sydney Silverman, das dann jahrelang in seinem Mainzer Amtszimmer hing. Silverman hatte - im Alleingang - per sogenanntem private member's bill ueber drei dDekaden die Abschaffung der Todesstrafe durchgerungen. Deshalb und nicht wegen seiner Einstellung zu den Viet Nam Massakern habe ich ihn TROTZDEM konterfeit.

Wenn ich je einen Mentor gehabt haben sollte, so waere es Schweicher gewesen. Mehrmals besuchte er mich in London mit der schlichten Begruendung :"er muesse wieder einmal mit einem vernuenftigen Menschen reden!" In Mainz fuehrte unsere Bezie=hung allerdings dazu, dass er vor mir gewarnt wurde ( ebenso wie Helmut Kohl 1968, der damals noch die Warnungen in den Wind schlug und erst spaeter anfing auf Einfluesterungen zu hoeren.) In London erzaehlte mir Schweicher ich gaelte in der Pfalz als als erblich belastet. Wir laechelten TROTZDEM darueber und waren froh, dass ich nicht als Mitlaeufer oder Nutzniesser oder Schreibtischtaeter (Willy Brandt) eingestuft war.

In der Aera kokoschka wurde die Salzburger Galerie Welz gelegentlich von wohlmeinenden Salzbuergern darauf hingewiesen, dass so jemand wie ich die Gaeste vertriebe. Es gab auch Faelle wo ich voruebergehendes Hausverbot dort hatte. Dies auch zu Zeiten wo ich als professor an der Sommerakademie taetig war und keinen Alkohol mehr trank. Meine Frau -Oberaerztin an einer Londoner Universitaetsklinik war dort ohnehin wegen ihrer Nasenform wenig erwuenscht.

Andererseits geschieht es immer oefter, dass man sich nach stundenlangen Plaudereien in einem Eisenbahnabteil zum Schluss bei mir fuer die Konversation bedankt. Die Insassen des Abteils fuehlten sich nicht durch mich vertrieben. Meine Klassen auf Hohensalzburg waren zwar informiert worden: ich sei ein (harmloser ?) Geisteskranker und zwar von einer Quelle im Bundeskanzleramt - von deren Qualifikation als Psychiater ich allerdings nicht stark ueberzeugt bin - einige Schueler schilderten mir aber der Saal im oberen Stockwerk habe gespuert wenn ich durch die Eintrittstuer ging und die Stiegen hierauf kam. Auch sie habe ich -mit kleinen Ausnahmen - wohl nicht vertrieben.

Mein Freund Giovanni Latini in San Gimignano hat die Angewohnheit besondere Gaeste seines Resaurants neben mich zu placieren weil er sich eine anregende und erfreuliche Unterhaltung davon verspricht. Als der Direktor der Lufthanso Flughafen Florenz einmal mmit mir bis in die Morgenstunden plauderte, richtete er Giovanni aus: er muesse ihn sofort verstaendigen wenn ich wieder einmal auftauchte. Er war aber Italiener und kein deutscher.

Andererseits wiederum hatte ich ueberhaupt keinen Einfluss auf Giovannis Tochter Catarina, der ich einmal die uebliche Lachnummer einer italienischen Speisekarte in korrektes Deutsch, Englisch und Franzoesisch uebersetzt hatte weil ein gutes Restaurant keinen hanebuechenen Quatsch auf seiner Karte haben sollte. Nachdem all meine Korrekturen computerisch abgewickelt waren , entdeckte ich: die gedruckte Karte war wieder in ihrer Urform gedruckt worden. Catarina erklaerte mir: ihr Woerterbuch haeete bewiesen, dass ich kein deutsch koenne. Sie zeigte es mir und siehe: die Wortverkorksungen in dem (von der Mafia gedruckten ?) Dizionario standen alle da. Ich fuhr mit einer Bekannten einmal 40 Kilometer durch die Nacht weil die von mir genannte, mir bekannte nahe gelegene offene Tankstelle zwar offen war - man aber meine Aussagen schaerfstens bezweifeln musste. Noch eine Speisekarte - eine Salzburgische - bietet seit 25 Jahren "chocolate" an und zwar weil ich einmal gewagt habe zu korrigieren :es hiesse auf Franzoesisch "chocolat".

Recht autoritativ wurde mir vor kurzer Zeit die Mitteilung gemacht: meine Arbeit sei nicht laenger z e i t g e m a e s s .Fuehle ich mich dadurch gekraenkt, bin ich deshalb beleidigt? Oder waere dies vielmehr der Fall wenn ich fuer zeitgemaess gehalten wuerde?

Es fand im November 1927 in Ludwigshafen die Befruchtung einer Eizelle statt, welche die Folge einer Handlung war - die, obzwar ueblich und gang und gaebe - nach damaligen Sitten- 7und Moralgesetzen als nicht zeitgemaess eingestuft werden muss.: Obwohl die Verkauferin Katharina Buechler und der Elektriker Werner Kortokraks nicht miteinander verheiratet waren vollzogen sie TROTZDEM diese Tat. Die unzeitgemaesse Hochzeit fand ein Jahr und neun Monate spaeter statt und - dank Napoleon Bonaparte dem I. und seinem code civil erhielt ich rueckwirkend meinen Namen.

Es waren die Jahre der Weltwirtschaftskrise und die von damals war echt und nicht vorgespiegelt wie die Hungerjahre der Zeit nach dem 2.Weltkrieg. Das Ehepaar hing einer - damals verbreiteten - Utopie andie zwar zeitgemaess war , ihre Kopie mit umgekehrten Vorzeichen , naemlich: der italienische Faschismus und der Nationalsozialismus in Deutschland uebertrafen diese Utopie in der Anpassung an den vorherrschenden Zeitgeist.Am 30. Januar 1933 war dieses Ehepaar, war ihr, mittlerweile fuenfjaehriger Sohn nicht mehr zeitgemaess. Sie lebten TROTZDEM weiterhin in Deutschland, sie waren zu arm um zu fluechten und zu unbedeutend um sofort in Lebensgefahr zu geraten. TROTZDEM haben von nun an viele ihrer Handlungen nach der damaligen Rechtslage schwerste Strafen, sogar die Todesstrafe verdient. Mit grosser Panik beobachtete der , mittlerwele 10 jaehrige Sohn nach dem 9. november 1938 wie sein Vater einen der Schaukaesten zertruemmerte in welchen "Der Stuermer" die pornografdische Hetzschrift des Gauleiters von Franken :Herr Julius Streicher dem Volk vorgefuehrt wurde.

 

ARBEIT MACHT FREI

Es ist anzunehmen, dass ich noch lebe weil ich im Herbst 1944 den Jungen beneidete, der wegen Tuberkulose von der Schanzarbeit, die ich mitr den Insassen meines Studentenheims in Radkersburg machte befreit wurde. Ich wusste : senkrecht kommt man nicht heraus aus der Masse 14-15 jaehriger Burschen, die Panzergraeben aushoben, Schuetzengraben gruben und bloesdsinniges Hajott gebaren betrieben. Also entwickelte ich einen unglaublichen Uebereifer um mittels eines MG Nests die russische Dampfwalze an der Ungariuschen Grenze zu stoppen. Wie erwuenscht brach ich auch prompt zusammen, kam drei Tage ins Lazarett, man fuetterte mir Prontosil - ein Sulfonamid, das mich in herlichem Orange pinkleln machte und mich in die senkrechte Lage zurueckversetzte.

In das Klassennzimmer wo ich mit 40 anderen auf Strohsaecken schlief zurueckgekehrt, hiess es gleich: "Jahrgang 28 antreten zum Abmarsch ins Wehrertuechtigungslager in der Untersteiermark (das heutige Slowenien)" und ich wurde auf einen Lastwagen gepfercht, der abfahrbereit im Hof stand.Wir waren zwar keine Soldaten aber wir lernten den militaerischen Spruch" die Haelfte seines Lebens - wartet der Soldat vergebens." Irgendwann tauchte der SA mann auf, der uns befehligt hatte. Er kommandierte ich solle absteigen. Dann sagte er mir: erkoenne mich nicht entbehren - ich sei so ein guter Arbeiter, meine Leistung sei beispielhaft - er ernenne mich zum Zehnerschaftsfuehrer und der Lastwagen muesse ohne mich abfahren. Einige Jahre spaeter, als in Deutschland die spaerlichen Reste des Jahrgangs 1922 zur Bundeswehr eingezogen werden sollten entstand die "ohne mich" Bewegung. Ich verstand sehr gut was das bedeutete und das verdanke ich einem kleinen steirischen SA Mann, der kein guter Psychologe aber mein
Lebensretter - gerne auch:Schutzengel war.10 Monate spaeter stand ich -April 1945 wieder auf einem Lastwagen und wartete in soldatischer Ergewbenheit. Die Reise sollte ins dreissig Kilometer entfernte Weiz gehen wo die Frontlinie war. Die Schutzengel kamen gleich in grosser Anzahl - es wurde irgendwann beschlossen wir sollten absteigen, wir fuehren nicht.

Ein hochdekorierter Feldwebel er hiess Jakoby und war Metzgergeselle aus Koblenz , lehrte die unter uns, die es noch nicht wussten in wieviel Teile der Karabiner 98 K zerfaellt. Zu denen gehoerte ich. Auch die uebliche Rekruten -Antwort :" es kommt darauf an wie man es hinschmeisst war mir nicht vertraut. Nachts wachte er manchmal auf und fing an zu jammer, laut und verzweifelt zu schreien und zu weinen. Wir mussten ihn dann festhalten und beruhigen. Er glaubte verantwortlich zu sein, dass ueber 20 Buben aus Leoben, die er bei Weiz ins Granatwerferfeuer geschickt hatte in wenigen Sekunden tot waren. Er sah keinen Ausweg darin in seinem Bunker seine neu angetraute Braut, seinen Scheferhund und sich selber zu erschiessen.. Am Morgen des 7. Mai weckte er uns sehr frueh. Ich hatte Wache und schlief nicht besonders tief zwischen zwei Wachgaengen. Wir hatten das Radio an zu diesem Zweck. Es wurde recht heitere Musik gespielt und man hoerte keine Kommentare. Heute weiss ich: Graz war seit Tagen bereits unter oesterreichischer Kontrolle. Genau erinnere ich mich an den Schlager: "der alte specht er klopft recht sclecht - er kan schon gar nicht mehr so recht so wie er moecht.

Jakobi sagte uns, dass der Waffenstillstand unterzeichnet sei und um Mitternacht in Kraft trete. Jahrelang hatte er seine Ansprachen mit der Formel beendet" wir beenden diesen Appell mit einem dreifachen Sieg Heil..' Aber als er seine rechten Arm in halbe hoehe gehoben hatte und das Wort dreifach ausgesprochen hatte schien er zu bemerken: das naechste Wort war noch nie so fehl am Platze wie gerade in diesem Moment. Da liess er den Hitlergruss sein und verwandelte ihn in die abschaetzige handbewegung, die in Militaersprache bedeutet: "SCHEISS DER HUND DRAUF" . Soenete mein drittes Reich, mein zweiter Weltkrieg und so begann mein erstes Jahr in jener Freiheit, die manche unter uns meinen.

Dear Kortokraks,

It's not every day one is asked to write about work one doesn't like. You say, you know, "I acknowledge it exists but don't like it"; that position,it seems, qualifies me to say something to go in your catalogue for the show at Mrs Fisher's.The invitation feels like a challenge, Mrs F. said you should get a friend to write something, and I'm not even your friend. I saw some of your work a few years ago and met you momentarily then. Add two letters, a telegram,some photos reveived, some not, and that would seem to be the sum total of our acquaintanceship. But I do know you exist, and your art too, and I don't mind saying so.

Don't I like it? Are you sure you want me to, or anyone else? You could easily please us. In your drawings you come closer to it - not just because they are often of women, and sketchy (we love sketchy things, we call them sincere) - but because of your gift for catching not likeness (how can we tell?) but life. You are unmistakingly good at drawing places too, but to me that matters less because Salzburg or the Place de la Concorde or whatever can look after themselves, whereas... well, making marks on paper so that a person appears before us, not an emblem or a patternbut a convincing species of humanity, is a sort of miracle. The sort we take too much for granted, embarrassed perhaps by the sudden sense of a personal presence when we haven't been properly introduced. We may overcome this gaffe, not sure whether it's your or ours, and the notice your sketchiness is a maneuvring of hard, soft and whiteness, a dialogue between marks and intervals. The marks look very spontaneous and perhaps many of them are quick, but I'll swear to the deliberate visual touching plus measuring, multiplyes by long working and looking experience, that produces them.

Your painted portraits have some of the same qualities but, paradoxically, some of these persons strike me as less present, as though the act of painting enshrines them out of time and out of space. is it the colour that does it or the brushmarks? I get this sense of shrine (sanctuary?) also from the most beautiful Bonnards, a painter whose tentativeness is very different in kind and mode from yours. Some of your sitters, like some o9f his nudes and even self pportraits, are perceived beyond the paint. My instinct tells me that this indicates a valuing of the subject, a feeling of awe even.

Do you value people? "I am not nice," you say in your letter. A lot of your thematic paintings are not nice either. Do we want to be told of concentration camps and more recent samples of official brutality? We don't, and if it must be, let it be through films and television melodrama with soft-eyed girls and heroic youg men so that we can personalize both the suffering and them that cause it; it's the ordinaryness of human savagery we can't bear to think of, and that is what your painted images insist on grinding into our heads, refusing us all the comforts we still feel we deserve from "culture".

The other thing you have said insistently is that you don't know anything about art, and don't know how to paint, just keep doing it and often at unhelpful moments like when you can't afford to buy paints. I don't think that is your problem at all, and neither do you: it's your boast. the fact is you now perfectly well how to paint, not because you are a natural painter (whatever that is) but because you know a lot about art. Your association with Kokoschka shows in your work, as everyone says, but I can also see a hungry absorption of much else, from Daumier and van Gogh, to Cubism and Chagall,Picasso, Pop and Brueghel. You know art, you know painting, you know what yoyu are painting about. I bet yoy could charm the birds out of the trees if you wanted to. Perhaps you would prefer that. It's just that there are other things to be done first. You are right.

Norbert Lynton
(University of Sussex)

Ein Außenseiter des Kunstbetriebs

Von Oliver Bentz

Der bei Salzburg lebende Maler Rudolf Kortokraks, einst erster Assistent von Oskar Kokoschka, blickt auf ein bewegtes Künstlerleben zurück.

Wien, 1. Bezirk, Stallburggasse 2, "Café Bräunerhof": Ein elegant gekleideter Mann betritt das Lokal. Der ältere Herr mit Gehstock, im noblen Anzug und schwarzen Mantel, ist der 1928 im deutschen Ludwigshafen geborene Maler Rudolf Kortokraks, der viele Jahre in Österreich gelebt hat und heute in einem Gasthof in Maria Plain bei Salzburg wohnt.

Wäre Rudolf Kortokraks ein "einfacher Zeitgenosse", würde er sich als hervorstechender Künstler gewiss schon seit langem großer Bekanntheit erfreuen. Da er aber zeitlebens nicht bereit war, in seiner Kunst Kompromisse einzugehen, und bis heute keine Gelegenheit auslässt, mit "wichtigen" Vertretern der Kulturpolitik und der Kunstszene die Klingen zu kreuzen, blieb er ein mit dem Kunstbetrieb nicht kompatibler Außenseiter.

Ohne lange Umschweife kommt Rudolf Kortokraks, nachdem er sich in einer Caféhausnische niedergelassen hat, ins Erzählen, berichtet über die kleine aber feine Ausstellung, die man ihm zum 80. Geburtstag 2008 in Salzburg wo er, neben seinen Wohn- und Arbeitsorten in London und Tuscania bei Rom, meist lebt  eingerichtet hat; von seiner Zeit als Mitarbeiter Oskar Kokoschkas in der Salzburger "Schule des Sehens" in den 1950/60er Jahren; von seinen Malkursen in jenem alten Turm in Italien, den er wegen gesundheitlicher Probleme verlassen musste; von seiner Kindheit während der Nazizeit in Ludwigshafen; und von den Schwierigkeiten, die man schon immer, nicht nur in seiner Heimatstadt, mit ihm, seiner Art und seiner Kunst gehabt hat.

An das Ludwigshafen seiner Kindheit, das er 1941 nach der Trennung der Eltern mit der Mutter in Richtung Graz verließ, kann er sich noch gut erinnern. Etwa an den Tag der Machtergreifung Hitlers 1933, als er einen Aufmarsch der Nazis miterlebte. Weil das Pferd eines SA-Mannes dauernd wieherte, sagte ein Bekannter zu seinem Vater: "Da lachen ja sogar die Pferde." Doch das Lachen sollte den beiden Männern, sie waren Kommunisten, bald vergehen. Noch heute überkommen Rudolf Kortokraks Stolz und Angst bei dem Gedanken, wie sein Vater damals in seinem Beisein einen "Stürmer-Kasten" mit Hetzparolen der Nazis zertrümmerte und noch heute fröstelt ihn die Erinnerung an die Hausdurchsuchungen in der Wohnung seiner Eltern, die er während des Dritten Reiches erleben musste.

Lehrjahre in Graz

Auch an seine erste Ausstellung 1951 in Bremen hat er noch lebhafte Erinnerungen. Kortokraks teilte die Schau mit dem in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckten und nun hoch geschätzten Surrealisten Richard Oelze: "Uns verband auch besonders, dass wir stempeln gingen. Arbeitslosen-Unterstützung hieß das damals. Oelze hatte ein Hauptwerk im New Yorker Museum of Modern Art, aber das interessierte in Deutschland damals niemanden."

Fünfeinhalb Jahre Volksschule in Ludwigshafen und ein Jahr in Graz hat Rudolf Kortokraks, wie er lächelnd betont, an Schulbildung aufzuweisen. "Ich würde heute an keiner höheren Lehranstalt angenommen, höchstens als Lehrer." In Graz entdeckte man zum Glück sein zeichnerisches Talent und nahm ihn 1942 mit nur 14 Jahren an der Kunstgewerbeschule auf, wo die renommierten Maler Rudolf Szyszkowitz und Alfred Graf Wickenburg seine Lehrer waren. Einseitig begabt oder auf manchen Gebieten faul könnte man ihn wohl nennen, denn dem Besuch der Kurse zog er das Zeichnen im Stadtpark und im Zirkus vor. Immer wieder, erzählt Rudolf Kortokraks belustigt, musste ihn sein von den Professoren bewundertes Zeichentalent vor den Folgen der Unzulänglichkeiten in anderen Unterrichtsfächern retten.

In die Pfalz zurückgekehrt, besuchte Rudolf Kortokraks 1946 die Freie Akademie Mannheim; danach ging er nach Worpswede und für einige Jahre nach Paris, bevor er 1954, auf Vermittlung des Direktors der Mannheimer Kunsthalle, mit Oskar Kokoschkas Salzburger "Schule des Sehens" in Kontakt kam. Als Grund, warum Kokoschka gerade ihn zu einem seiner engsten Mitarbeiter berief, nennt Rudolf Kortokraks "nicht unbedingt" sein künstlerisches Können, sondern vielmehr die Tatsache, dass er aus Mannheim kam. Die Stadt habe in Kokoschka immer schöne Erinnerungen an die 20er Jahre wachgerufen, als er an der dortigen Kunsthalle, damals ein Zentrum der künstlerischen Moderne in Europa, mit großem Erfolg ausgestellt hatte. "Vielleicht aber", ergänzt Kortokraks augenzwinkernd, "hat Kokoschka ja auch nur meine hübsche Freundin gefallen."

Wenn Rudolf Kortokraks an Oskar Kokoschka denkt, dann fällt ihm zuerst die ungeheuere Subjektivität ein, mit der dieser künstlerische Werke beurteilte. Oft hätten sich Schüler in Salzburg verzweifelt an ihn als ersten Assistenten Kokoschkas gewandt: "Gestern fand der Professor meine Zeichnung sehr gut und heute beurteilt er sie als wenig gelungen." Damals sei ihm diese Eigenschaft Kokoschkas unverständlich gewesen, "aber heute, ich musste fast 80 Jahre für diese Erkenntnis werden", sagt Rudolf Kortokraks, "verstehe ich ihn sehr gut. Objektivität ist in unseren Dimensionen ein unerreichbares Ideal. Objektiv gut ist, was nach 300 Jahren Bestand hat." Den Schülern habe er übrigens, wie er mit der ihm eigenen Verschmitztheit bemerkt, den Rat gegeben, die Zeichnung dem Meister am nächsten Tag einfach noch einmal zu zeigen.
Seine eigene Malerei beschreibt Rudolf Kortokraks als Zwangshandlung. Ihm gehe es aber nicht  "wie vielen zeitgenössischen Künstlern" darum, sein "Innenleben auszuspeien, nicht um die Darstellung des Seelenzustandes, sondern um dessen Überwindung". Zuversicht und Lebensfreude zu kommunizieren, sei das Ziel seiner Arbeit. "Inhaltsleere" Malerei lehnt er ab: "Ich kann kein Bild einer verendeten Seemöwe betrachten und mich am Spiel der Farben erfreuen, ohne an die elende Kreatur auf dem Bild zu denken". Den Vorwurf, sich stilistisch stark an Kokoschka orientiert zu haben, kontert Kortokraks mit dem Hinweis, "schon im Zustand der Unbelehrbarkeit gewesen" zu sein, als er den großen Maler Anfang der fünfziger Jahre kennen lernte.

Spätestens seit seinen unter ärmlichsten Umständen verbrachten Studienaufenthalten in Paris Anfang der 1950er Jahre stand für Rudolf Kortokraks fest, der sich damals abzeichnenden Entwicklung in der Kunst nicht zu folgen: "Sie widerstrebte meinem Charakter und meinem Temperament. Ich war nicht fähig und auch nicht willig, die Bindung an die Natur zu lösen und die Darstellung und Interpretation der sichtbaren Welt zu verlassen." So ignorierte Kortokraks die Meinung der "Hohepriester der Kunst", nach der die Natur ausgedient habe, blieb sich und seiner Handschrift treu und malte mit seinen Blumen-, Städte- und Menschenbildern, die aus dem Antrieb entstehen, "die Schöpfung zu verherrlichen", Jahrzehnte lang "aus Trotz" gegen alle sich abwechselnden Stile an, die gerade Mode waren.

Kompromisse und die im Kunstbetrieb notwendige "Geschmeidigkeit", um erfolgreich zu sein, sind seine Sache nicht. Und schon gar nicht das Produzieren von einfach verwertbarer "Kunstbetriebskunst", wie sein im letzten Jahr verstorbener Freund Alfred Hrdlicka, mit dem er die Herkunft aus proletarischem Milieu und die Erlebnisse in der Nazizeit teilte, einmal leicht verkäufliche Kunstprodukte nannte.

Lob war Rudolf Kortokraks immer verdächtig, denn er ist nicht nur kritisch gegen andere, sondern besonders gegen sich selbst. So bat er während seiner Zeit mit Kokoschka den großen Maler, seinen Bildern kein Lob zu spenden, da dies seiner Kunst nur hinderlich gewesen wäre. Seine an sich selbst gestellten hohen Ansprüche standen Kortokraks oft im Wege. "Man muss", sagt der Künstler bestimmt, "für das, was man macht, in den Spiegel schauen und vor sich selber bestehen können. Das ist das Einzige. Ich male zu meiner eigenen Befriedigung, nach meinem eigenen Qualitätskanon. Und manchmal gefallen Menschen diese Werke."

Rudolf Kortokraks war nie ein "einfacher Zeitgenosse". Und wenn er von jemandem nichts hielt, ließ er es ihn das egal, um wen es sich handelte  ganz undiplomatisch auch spüren. Etwa jenen Kulturpolitiker seiner Heimatstadt Ludwigshafen, den er als "Würstchen" ansah  und ihm zur Verdeutlichung seiner Meinung ein solches per Post aus London zusandte. Der Schelm muss laut auflachen bei der Vorstellung, "wie das damals nach dem langen Postweg gestunken haben muss".

Verkannt und verpönt

Mit solchen Aktionen macht man sich natürlich keine Freunde. So verwundert es auch nicht, dass es in seiner pfälzischen Kindheitsheimat, wo seine Bilder in den 1960er/70er Jahren häufig zu sehen waren, schon lange keine größere Korktokraks-Ausstellung mehr gegeben hat. Überhaupt, so der Maler, habe man ihn in seiner Geburtsstadt seit jeher mit dem Etikett "unbegabt" versehen und seine Äußerungen für "das wirre Gewäsch eines bemitleidenswerten Irren" gehalten. Es habe sogar in manchem Amtszimmer Aktenvermerke gegeben, die lauteten: "Rudolf Kortokraks hat nicht zu existieren!" Und in Österreich, so schreibt er in seinen fragmentarisch vorliegenden Lebenserinnerungen, erzähle man sich gerne, dass Rudolf Kortokraks als "Un-Person im Orwellschen Sinne" zu betrachten sei.

Nur wenige Menschen, denen er bis heute sehr verbunden sei, hätten sich überhaupt für ihn der stolz darauf ist, nie Preise gewonnen zu haben und für sein Werk eingesetzt. Das Land Rheinland-Pfalz besitzt gut zwei Dutzend Gemälde von ihm, die lange in Amtszimmern der Landeshauptstadt Mainz hingen, berichtet der Künstler. Wie etwa jenes Menschenbild das Wort "Porträt" lehnt Kortokraks strikt ab des ultralinken Labourabgeordneten Sydney Silverman, dessen zäher Einzeinitiative es zu verdanken war, dass das englische Parlament die Todesstrafe auf der Insel abschaffte. Jahrelang schmückte das Bild das Mainzer Amtszimmer des späteren Bundeskanzlers Helmut Kohl, als dieser noch Ministerpräsident des südwestdeutschen Bundeslandes war. In der Mannheimer Kunsthalle dürften sich heute etwa zehn Bilder von Rudolf Kortokraks befinden. Und in Österreich, wo es in Wien und Salzburg immer wieder Ausstellungen seiner Werke gab, besitzt das Lentos Kunstmuseum in Linz großformatige Gemälde und Graphiken von Kortokraks.

"Sonst werden meine Bilder heute aber kaum mehr ausgestellt", meint der 82-jährige Künstler. "Ich bin vielleicht noch nicht tot genug. Diesen Zustand aufrecht zu erhalten, bemühe ich mich."

Oliver Bentz, geboren 1969, hat Germanistik studiert und lebt als Kulturpublizist in Speyer (D).

Wiener Zeitung Printausgabe vom Samstag, 04. Dezember 2010( Online seit: Freitag, 03. Dezember 2010 15:23:00